Dieser Artikel von mir erschien unter “Frohbotinnen” – dein Wort mein Weg.

Ich mag dieses andere Wort für Klavier: Flügel. Und was für ein großes Glück, gleich zwei Flügel zu haben! Den Einen haben mir meine Eltern geschenkt zum Studienbeginn in Wien, der Andere kam dazu als Geschenk des Himmels. Da kam es mir vor, ich könnte direkt “fliegen” mit beiden Flügeln. Viele fragen mich: Und welcher ist schöner? Nein, das kann ich nicht sagen, die sind halt anders schön. Jeder hat einen Namen bei mir und selbst als Ordensfrau würde es mir sehr schwer fallen, mich von diesen Lebensgefährten zu trennen.

Angefangen hat es freilich an einem Pianino, ich habe noch gute Erinnerungen an seinen Klang. Gerne habe ich so für mich Kinderlieder und Sonatinen darauf gespielt. Vor einem Publikum zu spielen hat mir auch nichts ausgemacht. Wenn nur da nicht so viel Druck gewesen wäre zum Üben! Je höhere Erwartungen an die Stundenzahl gestellt wurden, desto größer wurde mein Bemühen, mich vor dem Üben zu drücken. Da half auch die “biblische Moral” der anvertrauten Talente nicht – diese Stelle habe ich lange noch innerlich gemieden. Nach einem wiederholten Streit mit meiner Mutter hieß es nun: Ich spiele nie wieder Klavier!

Dass das aber bei einem Sommer-Streik blieb und ich eines Tages selber Klavierspiel als meines entdecken konnte, dafür bin ich sehr dankbar. Da war die neue Klavierlehrerin, die mich inspirieren konnte mit Geschichten und Bildern hinter den Noten. Da war unser Koreanisch-Lehrer, der uns mit seinen Gedichten animierte, mit Kunst einen Beitrag für die Gesellschaft zu leisten, damals in den Wehen der Demokratisierung Südkoreas. Und dann kam es zu einem Konzert, da geschah etwas Besonderes während ich spielte. Es war, als ob die Musik alle Menschen im Saal und mich als ein Teil davon, wie ein unsichtbares Netz miteinander verbunden hätte. Am Ende dieses Abends wusste ich, dass das nun mein Lebensprogramm wird. Es war ein tiefes Spüren und Versprechen zugleich, still und innerlich – wie auch bei meiner Erstkommunion, als ich zum ersten Mal meine Ordensberufung verspürte.

Voll Feuer und Flamme brach ich zum Klavierstudium nach St. Petersburg auf, jung und mutig, eigentlich ahnungslos. Nach zwei harten Wintern wechselte ich nach Wien, bald aber ging es weiter mit Wettbewerben. Es stand außer Frage, dass das zu dieser Ausbildung zur Konzertpianistin gehört. Wie auch viele andere begabte junge MusikerInnen befand ich mich in einer Maschinerie der Konkurrenz. Obwohl ich von Erfolgen aus dieser Zeit bis heute profitiere und in all den Erfahrungen nachhaltige Nutzen sehe, drohte ein wesentlicher Punkt verloren zu gehen: Warum wollte ich eigentlich Pianistin werden? Beim Erzählen über jenen Konzertabend kamen mir immer die Tränen.

Gotte sei Dank kam es zu einem Wendepunkt. Es wurde auf einmal klar, wie viel Energie ich nicht für die Musik, sondern für die Akzeptanz meiner Person ver(sch)wendet habe! Wie jeder andere Mensch war ich angewiesen auf Resonanz der LehrerInnen, KollegInnen, Publikum, Jury. Doch warum war mir so bange, ein lobendes Wort zu erhaschen und möglichst wenig Kritik anhören zu müssen? Diese zutiefst allgemeine menschliche Frage hat mich plötzlich wachgerüttelt. Reuevoll bat ich um Verzeihung, dass ich die schöne hohe Musik für meinen Ego gebrauchen wollte.
Das befreite mich und meine Musik bekam wieder Flügel. Ich hörte anders, suchte und fand mehr in den Noten. Es war keine Zeit mehr zum Zweifeln: Kommt das an oder nicht? Das Leben der Musik wollte raus.

Wenn ich nach einem Konzert wieder Rückmeldung bekomme, es war wie Wasser für die Seele, mal kräftig, mal ruhig, sprudelnd und fließend, zum Atem befreiend, dann bin ich Gott unendlich dankbar. Dass ich dieses Wasser nicht nur selber genießen darf, sondern es auch weiter reichen kann. Da singe ich mit Psalm 57: Im Schatten deiner Flügel (!) finde ich Geborgenheit. Mein Herz ist bereit, o Gott, ich will dir singen und spielen!

Sr. Joanna Jimin Lee MC, Pianistin und Ordensfrau bei den Missionarinnen Christi